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Altmünstergemeinde übernimmt Patenschaft für Stolpersteine

Die Altmünstergemeinde hat die Patenschaft für zwei Stolpersteine übernommen, die im November 2017 zum Gedenken an die Familie Weiß in der Leibnizstraße 24 verlegt wurden.

Max und Recha Weiß mit Töchtern Ilse und Lotte

Max (Marx) Weiß, am 10. Oktober 1889 in der kleinen Gemeinde Hechtsheim bei Mainz geboren, entstammte der alteingesessenen und weit verzweigten Hechtsheimer Familie Weiß. 1920 heiratete er die aus Idstein stammende Recha Grünebaum, die dort am 8. August 1895 geboren wurde. Aus der Ehe gingen die Töchter Ilse Babette (geboren am 26. April 1922), Lotte Johanna Caroline (geboren  am 18. November 1924) und der Sohn Hans Fritz Sally hervor, der 1923 geboren worden war und schon 1924 im ersten Lebensjahr verstarb.

1926 meldete sich die Familie in Hechtsheim ab und zog mit den beiden kleinen Töchtern nach Mainz. Max Weiß war von Beruf Reisender für die Firma Gebrüder Marxsohn, eine Großhandlung für Leder-, Tapezierer- und Sattlerbedarf in der Mainzer Emmeransstraße 41. In dieses Haus zog Max Weiß zunächst mit seiner Familie und wurde bald danach einer der Prokuristen der Firma. Da die Hechtsheimer jüdische Gemeinde dem orthodoxen Glauben angehörte, ist es sehr wahrscheinlich, dass Ilse und Lotte Weiß, die 1928 bzw. 1930/31 schulpflichtig wurden, in die 1859 gegründete private Unterrichtsanstalt der Israelitischen Religionsgesellschaft gingen, die seit 1890 nach dem orthodoxen Rabbiner und Schulleiter Dr. Jonas Bondi in Kurzform Bondi-Schule genannt wurde. Ihre weitere Schulzeit, die durch zunehmende Ausgrenzung jüdischer Kinder aus öffentlichen Schulen geprägt war, lässt sich heute nicht mehr nachzeichnen. Möglich ist, dass sie die 1934 im Nebenflügel der Hauptsynagoge eingerichtete Jüdische Bezirksschule besucht haben, die für wenige Jahre noch einen regulären Unterricht ohne ständige Anfeindungen bot. Mit der Pogromnacht im November 1938 – Ilse war damals 16, Lotte fast 14 Jahre alt – endete die Schulzeit der beiden Töchter.

1935/36 ist Max Weiß mit seiner Familie in die Leibnizstraße 24 gezogen. Der Grund kann sein, dass die Firma Marxsohn dem ständig steigenden Druck der Nazis zur „Arisierung“ ausgesetzt war, die in diesem Fall ohne Mitwirkung der Industrie- und Handelskammer vollzogen wurde. Im Mainzer Adressbuch 1938 finden wir zu Max Weiß wieder den Beruf „Reisender“ und statt der Firma Gebrüder Marxsohn ist in der Emmeransstraße 41 jetzt die Fa. Hofmann, Klein & Co. als „Großhandlung in Leder-, Tapezier- u. Sattlerartikel“ eingetragen. Die neuen Inhaber waren Theodor Besteit, Emil Hofmann und Emil Klein. Danach verliert sich die Spur der Familie Weiß in den Adressbüchern.

Max Weiß, seine Frau Recha und die ältere Tochter Ilse wurden bei der zwangsweisen Einquartierung in die Mainzer „Judenhäuser“ zunächst in einem Zimmer im 3. Stock des Eisgrubweg 7 untergebracht. Zum Schluss lebten sie auf engstem Raum in der Walpodenstraße 15, ebenfalls ein „Judenhaus“. Von dort wurden sie am 30. September 1942 über Darmstadt in das besetzte Polen deportiert und, vermutlich in Treblinka, ermordet. Die Deportationsliste der Gestapo Darmstadt mit knapp 900 Menschen ist zynisch überschrieben mit „Wohnsitzverlegung nach dem Gen. Gouvernement“.

Die jüngere Tochter Lotte lebte damals bereits seit über einem Jahr als Zwangsarbeiterin in Berlin. Sie war, weil die Berliner Industrie Arbeitskräfte brauchte, mit vielen anderen jungen Jüdinnen der Jahrgänge 1923/24 im Februar 1941 unter Gestapo-Bewachung von Frankfurt nach Berlin gebracht, im Elektromotorenwerk Siemens-Schuckert zwangsverpflichtet und im Lager in der Kreuzberger Kommandantenstraße 58/59 untergebracht worden. Es war dies ein Gebäude, in dem bis zu dessen Verbot 1941 der Jüdische Kulturbund seinen Sitz hatte. Die jungen Frauen wohnten auf zwei Etagen in großen Schlafsälen mit Doppelstockbetten, einfachen Koch- und Waschgelegenheiten und streng reglementiertem Tagesablauf. Bei kleinsten Vergehen oder wenn das Arbeitssoll nicht erreicht wurde, drohte eine Meldung an die Gestapo. Sie mussten morgens um 6 Uhr nach Siemensstadt gehen, oft unter Beschimpfungen auf ihrem Weg, und im Akkord an Stanzmaschinen oder in der Montage arbeiten. Vom kargen Wochenlohn wurden „Judensteuer“ und Unterkunft abgezogen. Manchmal wurden sie zu Schabbat oder zu Feiertagen von jüdischen Familien eingeladen, wenn es ihnen erlaubt wurde, wie drei Überlebende unter den jungen Frauen später berichteten.

Die Zwangsarbeit dauerte zwei Jahre. Da die Nazis auch Berlin „judenrein“ machen wollten, wurden die jungen Frauen bei der „Fabrikaktion“ am 27. Februar 1943 – wie alle noch in Berlin tätigen jüdischen Zwangsarbeitskräfte – in der Arbeitsstelle oder aus dem Lager abgeholt und zur baldigen Deportation in überfüllte Sammellager verbracht. Nicht einmal ihre Sachen konnten sie mitnehmen. Zuvor hatten sie noch Kriegsgefangene und ausländische Zwangsarbeiter an den Maschinen anlernen müssen. Am 3. März 1943 wurde Lotte Weiß mit mehr als 1.700 anderen jüdischen Menschen vom Güterbahnhof Moabit aus nach Auschwitz-Birkenau deportiert und bald nach der Ankunft in der Gaskammer ermordet.

Renate Knigge-Tesche

 

 


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