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Gedanken zur Weihnacht

Marie hatte sich nichts so sehr wie ein Fahrrad zu Weihnachten gewünscht, ein Fahrrad, mit dem sie die Welt erkunden konnte oder zumindest ihre Straße; ein Wunsch von Herzen, so dass ihre Eltern es schon kaum noch hören konnten.

Und dann war das Fest gekommen und das kleine Dorf war in Aufruhr, denn dort, wo die Welt, wie man so sagt, noch in Ordnung war, stand die Welt plötzlich Kopf: aus der Kirche war aus der Krippe das Christkind gestohlen worden.

War es ein Streich oder stand ein Plan dahinter? Man war sich nicht einig und das vor dem Gottesdienst, wo die Leute doch ein Jahr lang darauf hinfieberten Stille Nacht zu singen und nun das!

Weihnachten fällt aus, sagten manche erbost und andere waren den Tränen nah: ein Krippenspiel ohne Jesuskind, da bleiben wir doch gleich zu Hause. Wieso haben wir es auch nicht bewacht?

Wie der heilige Abend verlief, ist uns nicht überliefert. Es war halt ein Weihnachten ohne Christkind. Manche vermissten es mehr als andere; manchen war es sowieso egal und wieder andere behalfen sich mit dem Trost: Jesus ist doch gekommen, es hängt nicht von der Puppe in der Krippe ab.

Nur Marie war glücklich an diesem Abend; selig, könnte man auch sagen, denn ihr Wunsch, das Fahrrad war in Erfüllung gegangen und als sie abends spät froh in ihr Bett ging, nahm sie die Puppe unter der Decke hervor, streichelte sie über den Kopf, gab ihr einen Kuss und sagte: Danke, Christkind, und Morgen früh fahren wir mit dem Rad zu Paul, meinem besten Freund, mit dem ich mich aber gerade verkracht habe. Ja, sagte das Christkind leise, das machen wir: Du zeigst mir deine Welt , denn das ist auch meine Welt und ich bin sicher, das mit Paul wird schon wieder!

Weihnachten war schon fast rum, da lag am 2. Feiertag das Christkind wieder in der Krippe in der Kirche: fast hätte es keiner bemerkt, denn so hatten sich die Leute schon an den Skandal der leeren Krippe gewöhnt. In der vorletzten Bank saßen zwei Kinder strahlend und ganz dicht beieinander: Marie und Paul und sie sangen mit funkelnden Augen "oh, du fröhliche", und sie waren sicher: Streit hatten sie nie gehabt!


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